Samstag, 1. August 2026

Sein. Mit sich. Ohne sichtbaren Nutzen.

Es gibt auf dem Weg zu sich selbst viele Schwellen und kritische Momente. Immer wieder steht man vor der nächsten Büchse der Pandora. Doch ein Punkt - und der ist aus meiner Erfahrung und Beobachtung unvermeidlich - ist der herausfordernste: Ohne jede Idee von Lebensinhalt, Rollen, Aufgabe, Berufung oder sonst einem äußerlich sichtbaren und "erfolgreichen" Tun mit sich selbst da zu sein. Und zwar so lange, wie es die Selbstbegegnung erfordert. Solange bis jedwedes Tun tatsächlich aus einem intrinsischen Impuls entsteht.

Kein "um zu" (oder maximal um mich in diesem "um zu" zu beobachten und meinen Mustern zu begegnen), kein Zweck, kein Füllen von Leere, kein Vermeiden von Gefühlen, die in der Leere und dem Nichtwissen unweigerlich auftauchen, kein Vermeiden von Umständen, kein Erreichenwollen von irgendwas.

Sein. Mit sich. Ohne sichtbaren Nutzen. Ohne Pläne. Ohne Gewissheit auf irgendwas. Ohne selbst etwas steuern zu wollen. Und eben ohne jedwede Rolle. Ohne irgendeinen Platz in irgendeinem Gefüge, der mein Dasein rechtfertigen würde.

Ich mit mir. Blank. Pur. Roh.

Absichtslos. Offen. Neugierig.

Nichtwissen und eben auch nichtwissend, wie lange diese Phase dauern wird, ob sie jemals endet, was mit mir darin geschieht und wo es mich hinführt.

Diese Schwelle bahnt sich an. Sie kommt meist nicht plötzlich. Es ist ein "nach und nach nicht mehr hineinpassen". Da fällt eine Freundschaft weg, dort ein Hobby, Kontakte werden weniger, es zwickt in der Familie, meist sowohl in der Ursprungsfamilie, als auch in der selbst gegründeten. Der Job bleibt meist auch nicht übrig. Die Reihenfolge von all dem ist unterschiedlich. Die Ausstiege kommen in Wellen und doch kommt irgendwann der Punkt, an dem tatsächlich nichts mehr übrig zu sein scheint, nichts mehr von dem passt, was mal so richtig war.

Dieser Punkt ist nach meinem Empfinden essentiell, absolut wesentlich und nicht zu umgehen. Dann bin da nur noch ich und das, was mich von innen lebt. Ein Nullpunkt. Der Rückbau all dessen, was ich nicht bin, hat stattgefunden, um überhaupt mal den Samen kennenzulernen, der ich eigentlich bin, zu erspüren, was in mir wirkt. Dann - irgendwann - entsteht von der Wurzel an, neu und wahrhaftig der Ausdruck meines wahren Seins.

Nur ist davor dieses Nichts. Ich mit mir. Diese krasse Phase, in der überhaupt erst die Individuation stattfindet, die vorher nie gesund hat stattfinden können, weil es die notwendigen Entwicklungsräume in den allermeisten Familien nicht gegeben hat. Und diese Individuation ist nicht einfach ein Nachholen, davor oder immer wieder währenddessen gibt es Wunden zu fühlen, die eben genau aus dem Schmerz bestehen, dass wir nicht zu uns selbst werden durften und keine tiefe, weite, freie, gesunde Verbindung erfahren haben. Es gab kein Ich, es gab kein Wir. Es gab keine Wurzeln und keine Flügel. Es gab keinen Raum. Es gab keinen Punkt. Und schon gar nicht gab es die übergeordnete Wahrheit über mein Sein, kein Eingebettetsein, keine Göttlichkeit.

Dieses Nichts, diese Höhle, die Zeit des Samens unter der Erde, diese Rückerinnerung an die Wahrheit, die Stille und Raum braucht und bestimmt auch immer wieder adäquate Begleitung und Gehaltensein - eben echte Beziehung -, ist das Wichtigste und Herausfordernste zugleich. Totaler Kontrollverlust. Absolute Selbstbeobachtung. Hingabe an etwas Größeres. Seinlassen. Der volle Break mit allem Bisherigen. Tabularasa. Reset.

Beängstigend und befreiend zugleich. Höchst anspruchsvoll und erleichternd. Viele Tode und doch die Rettung. Das Schlimmste und das Beste. Vom gedachten Leben ins echte Leben. Vom Funktionieren ins Geführtsein. Von der Trennung in die Anbindung.