Sonntag, 3. Februar 2019

Wahre Schönheit kommt von innen

Wisst ihr eigentlich, dass ich mich früher eklig fand? Ich dachte, dass meine bloße Existenz eine Zumutung für andere ist. Wenn mir jemand nahe kam, weil er mich vielleicht zur Begrüßung umarmte oder mir sogar einen Kuss auf die Wange gab, dann wäre ich gerne im Erdboden versunken. Hab innerlich gehofft, dass ich nicht nach Schweiß rieche, dass er sich nicht von meiner trockenen Haut abgestoßen fühlen möge, dass hoffentlich keine Schuppen von mir auf seinen Pulli gefallen sind.

Überhaupt, dass mir jemand vielleicht ein Küsschen geben wollte, konnte nur ein Versehen sein. Niemand will mir doch freiwillig nahe kommen. Ich hatte unfassbar oft und richtig heftig Herpes. Nicht nur an den Lippen sondern oft auch an der Nase, richtig großflächig und auffällig. Es hat genässt und gebrannt, war gerötet und irgendwann hat es ja angefangen sich zu schälen. Was hab ich mich dafür immer geschämt. Ich fühlte mich, wie wenn ein riesiger Leuchtpfeil über mir blinken würde, auf mich weisend, der rief: "Schaut euch dieses Ekelpaket an! Ist sie nicht widerlich?"

Jedesmal, wenn ich Herpes hatte und das war wirklich oft, hatte ich das Gefühl, dass alle Welt nur darauf achtet, dass ich noch sichtbarer bin mit meiner Ekligkeit, dass noch deutlicher wird, dass man lieber Abstand von mir hält.

Und tatsächlich kann Herpes ein Ausdruck des Ekels sein, den man sich selbst gegenüber empfindet. Er hält die Menschen wirklich auf Abstand, ist ansteckend und fast jeder, der Herpes hat, lässt Menschen in der Zeit nicht sehr nahe an sich ran. Man trinkt nicht aus dem gleichen Glas, man küsst sich nicht, etc.

Von dem Umstand, dass ich mich selbst eklig fand bis zu dem Punkt, dass ich mich in meiner Haut pudelwohl fühle, mich hübsch fühle, mich als Geschenk für die Welt empfinde, war es ein Stück des Weges.

Letztlich kann ich gar nicht sagen, was genau den Umschwung verursacht hat. Es waren wahrscheinlich tausend kleine Minischritte auf meinem Weg zurück zu mir. Das Wichtigste war wahrscheinlich, mir dessen bewusst zu werden, dass ich so vernichtend über mich denke.

Irgendwann hab ich dann bemerkt, wie ich anderen gegenüber reagiere, die vielleicht Herpes haben oder Ausschlag und da war nicht annähernd die Abneigung, die ich immer bei anderen vermutet habe, wenn ich Herpes hatte. Also ja, da war jemand, der hatte Ausschlag im Gesicht. Ja, das fällt auf. Aber das macht ihn noch lange nicht hässlich oder abstoßend oder eklig.

Und dann kam der Moment, wo ich wieder Herpes hatte, in den Spiegel schaute, das Leuchten meiner Augen sah, meine innere Schönheit, mein Strahlen und mir war klar, dass nichts und niemand mir diese Schönheit abnehmen kann, auch kein Herpes. Ich bin auch mit Herpes wunderschön. Meine Seele, meine inneren Werte bleiben doch davon völlig unberührt, ja sogar unbeeindruckt.

Ich bin wunderschön. Ich liebe mich aus tiefstem Herzen. Ich liebe das Leuchten in meinen Augen. Ich liebe jeden Zentimeter an meinem Körper, auch die mit Cellulite. Ich liebe mich mit unrasierten Beinen. Ich liebe mich mit verstrubbelten Haaren morgens nach dem Aufstehen. Ich liebe mich mit Pickeln. Ich überschminke nichts. Ich schminke mich gar nicht. Nichts im Außen kann etwas an meiner inneren Schönheit, an meinem Strahlen und Leuchten ändern. Nichts kann es mir geben und nichts kann es mir nehmen.

Es gibt da diesen herrlichen Spruch: "Um morgens im Bad Zeit zu sparen, bin ich von Natur aus schön." Ganz meine Rede! Davon wollte ich euch heute einfach mal erzählen. UND der Artikel darf selbstverständlich geteilt werden.


Foto: Wolfgang Menger
Text und Gestaltung: Anja Reiche


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