Samstag, 23. März 2019

Zuverlässig bist du, wenn du dich selber nicht verlässt

Kürzlich hat mich eine sehr interessante Frage erreicht. Wie wichtig ist mir Zuverlässigkeit? Empfinde ich das Halten an Worte und Zeiten als Wertschätzung meines Wesens bzw. meiner Zeit?
Die Frage ist so spannend, dass ich sie tatsächlich hier öffentlich beantworten will. Ich stelle mal wieder fest, dass ich da meine ganz eigene Sicht der Dinge habe.

Mein oberstes Gebot ist es, dass mein Gegenüber das tut, was wirklich für ihn dran. Das ist auch mein eigenes Gebot. Ich tue nur das, was wirklich stimmig für mich ist. 

Meine Klienten dürfen in letzter Sekunde absagen, ohne dass ich dafür trotzdem Geld will, weil ja der Termin vereinbart war. Wenn ich mich mit jemandem zum Kaffee verabrede, dann schließen wir uns immer kurz vorher nochmal kurz, ob es auch für jeden passt, ob es wirklich noch dran ist. Auch da darf in letzter Minute abgesagt werden.

Nichts ist für mich schlimmer, als eine erzwungene Begegnung. Jeder soll um Gottes Willen das tun dürfen, was gerade dran ist. Wenn das beinhaltet, dass eine "Vereinbarung" nicht eingehalten wird, dann ist das so. Was wäre das für ein Zusammentreffen, wenn eine Partei so gar keine Lust darauf hat, wenn derjenige viel lieber jetzt wo anders wäre, als bei mir? Mir liegt es am Herzen, dass die Freude der Wegweiser ist, das gute Gefühl bei allem, was man tut.

Wirklich zuverlässig ist jemand für mich, wenn ich weiß, dass er gut für sich sorgt, dass er nichts über sich ergehen lässt, dass er voll und ganz bei dem ist, was er gerade tut oder sagt. Am liebsten sind mir Menschen, die immer geraderaus sagen, was sie denken und das darf in fünf Minuten schon wieder ganz anders sein. Wir sind in keinem Moment der gleiche Mensch. Wenn ich für etwas eine Zusage bekomme, z. B. für ein Interview, für eine Zusammenarbeit oder Ähnliches, dann weiß ich, dass diese Zusage in diesem Moment stimmig ist und dass es passieren kann, dass es zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr passt.

Was habe ich schon mit Menschen gefeiert, weil wir gemeinsame Termine abgesagt haben. Wir haben uns gefeiert, weil wir den Mut hatten, offen zu sein. Und witzigerweise war es immer für beide Seiten passend, wenn einer äußerte, dass es sich irgendwie jetzt nicht mehr rund anfühlt.

Wenn ich etwas vereinbare, dann immer mit dem Wissen und der Bereitschaft, dass es auch anders kommen kann. Ich fühle mich deswegen nicht minder wertgeschätzt. Überhaupt nicht. Ich feier jeden, der den Mumm hat, zu seinem Bauchgefühl zu stehen und Termine abzusagen, Vereinbarungen dann doch nicht einzuhalten.

In dem Moment hält er eine viel wichtigere Vereinbarung ein. Nämlich die Vereinbarung mit sich selbst. Er ist sich treu, er verlässt sich nicht, nur weil er zuverlässig sein will und das ist alles, was hier zählt. 
Foto: Canva
Text und Gestaltung: Anja Reiche

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