Was da gerade im Feld ist? Ich weiß es nicht. Und dieses Nichtwissen versuche ich jetzt mal in Worte zu fassen.
Da wirkt etwas unfassbar tief und kräftig. In den tiefsten Tiefen
unseres Wesens, am Urgrund sozusagen, wird Schlamm aufgewühlt. Die
Schicht ist nicht mehr dick. Da ist gerade dieses Bild von einem
Meeresgrund. Eine letzte feine Sandschicht wird mit einer einfachen
Handbewegung weggewischt. Darunter zum Vorschein kommt eine Truhe -
unsere Schatztruhe.
Wir können gar nicht anders, als sie zu sehen
und zu heben. Wir nehmen sie mit hoch in unser Boot und wir wissen ganz
genau, wenn wir sie öffnen, diese Truhe, dann ist nichts mehr so, wie
es mal war. Dieser Schatz bringt unfassbare Veränderungen mit sich.
Unser altes Leben fällt zusammen wie ein Kartenhaus. Unsere Werte, unser
Weltbild fällt um, wie eine Filmkulisse aus Pappe, klappt einfach weg.
Wir wissen das. Und genau das macht Angst.
Da ist nichts
Bekanntes, Vertrautes mehr. Da sind plötzlich keine Erfahrungen mehr,
auf die wir zurückgreifen können. Da ist nichts mehr, was wir kennen,
wenn wir diesen Schatz öffnen. Da sind nur noch wir selbst, das Wissen
um unsere heilige Schöpferkraft, um unser wahres Wesen. Doch eine
Gebrauchsanweisung ist nicht beigelegt. Die Gebrauchsanweisung sind
unsere Impulse, ist unser inneres Wissen.
In jedem einzelnen Moment
dürfen wir hinspüren und erfühlen, was für uns gerade stimmig ist. Und
das mag verwirrend anders sein als bisher, dieses "was für uns stimmig
ist". Es ist vielleicht noch nie in unserem Leben stimmig für uns
gewesen. Jetzt plötzlich schon. Uns verlangt es plötzlich nach Sachen,
nach denen es uns noch nie verlangt hat. Oder schon so lange und wir
haben uns nicht getraut, dem nachzugeben.
Jetzt gibt es da
plötzlich keine andere Wahl mehr, als diesem Impuls zu folgen, so
unsinnig und seltsam, unvernünftig und verrückt das sein mag. Wir kommen
an uns selbst nicht mehr vorbei. Wir können uns nicht mehr ausweichen.
Das Leben lässt das nicht mehr zu. Alle, die es trotzdem versuchen, die
versuchen, die Pappkulisse wieder aufzustellen, am alten Bild
festzuhalten, die schüttelt es gerade richtig, richtig heftig.
Es
ist, wie wenn das Leben mit jedem Tag vehementer wird und unbedingt
möchte, dass wir ganz viel Altes und Überholtes, alles, was uns nicht
mehr dient und uns klein hält, uns von unserem kompletten Potenzial
abhält, unbedingt im alten Jahr zurücklassen sollen. Wie wenn uns das
Leben jedes Mal auf die Finger klopft, wenn wir wieder nach dem alten
Schema greifen wollen.
Gefühlt geht es für jene immer leichter,
die schon mutig Altes losgelassen haben. Die sind erfüllt von einer
tiefen Ruhe, von Vertrauen und Frieden. Die spüren eine großartige Kraft
für sich, für das Leben, für das neue Jahr.
Diejenigen, die dem
Braten "Leben" und vor allem ihrer eigenen Macht und Kraft noch nicht
trauen, die sich selber noch klein halten oder noch irgendwo
Opfergedanken haben, die werden gerade gefühlt so richtig fett
geschüttelt. So viele Hände, wie sie bräuchten, um die Einzelteile ihres
Lebens zusammenzuhalten, die ihnen gerade um die Ohren fliegen, haben
sie nicht.
Es wird nichts anderes übrig bleiben, als alles
fallenzulassen, was wir ja doch nicht mehr halten können. Alles sein zu
lassen, wie es gerade ist. Die Dinge mal wirklich einstürzen zu lassen,
ohne etwas kontrollieren zu wollen. Einfach mal das Leben machen lassen
und schauen, was nach einer großen Naturkatastrophe wundersam für ein
neues Leben entsteht, wie die Natur sich selbst regelt.
Geben wir
dem Leben die Chance mit uns das zu machen, was es tatsächlich mit uns
vorhat. Lassen wir uns dahin führen, wo das Leben uns wirklich braucht
und haben will. Lassen wir die Trümmer Trümmer sein und schauen wir
mutig, was darunter echtes zum Vorschein kommt, wie unser Leben denn
eigentlich wirklich gedacht ist.
Eins hab ich im vergangenen Jahr
erfahren dürfen. Das, was sich mein Leben Großartiges für mich
ausgedacht hat, hätte ich mit meinem einfachen Verstand niemals ersinnen
können. Hätte ich irgendwas steuern wollen, wären mir so geile Sachen
und Erfahrungen durch die Lappen gegangen.
Also an alle, die
gerade versuchen, noch irgendwas in ihrem Leben zu kontrollieren: Lasst
es bleiben. Das Leben kann es einfach besser. Es ist der weitaus bessere
Regisseur als euer Verstand.
Ich sende euch Herzensgrüße und wünsche euch, dass euch die Schnappatmung nicht von diesem geilen Ritt abhält.
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Foto: Canva Text und Gestaltung: Anja Reiche |