Sonntag, 30. Dezember 2018

Das Leben ist der beste Regisseur

Was da gerade im Feld ist? Ich weiß es nicht. Und dieses Nichtwissen versuche ich jetzt mal in Worte zu fassen.



Da wirkt etwas unfassbar tief und kräftig. In den tiefsten Tiefen unseres Wesens, am Urgrund sozusagen, wird Schlamm aufgewühlt. Die Schicht ist nicht mehr dick. Da ist gerade dieses Bild von einem Meeresgrund. Eine letzte feine Sandschicht wird mit einer einfachen Handbewegung weggewischt. Darunter zum Vorschein kommt eine Truhe - unsere Schatztruhe.

Wir können gar nicht anders, als sie zu sehen und zu heben. Wir nehmen sie mit hoch in unser Boot und wir wissen ganz genau, wenn wir sie öffnen, diese Truhe, dann ist nichts mehr so, wie es mal war. Dieser Schatz bringt unfassbare Veränderungen mit sich. Unser altes Leben fällt zusammen wie ein Kartenhaus. Unsere Werte, unser Weltbild fällt um, wie eine Filmkulisse aus Pappe, klappt einfach weg. Wir wissen das. Und genau das macht Angst.

Da ist nichts Bekanntes, Vertrautes mehr. Da sind plötzlich keine Erfahrungen mehr, auf die wir zurückgreifen können. Da ist nichts mehr, was wir kennen, wenn wir diesen Schatz öffnen. Da sind nur noch wir selbst, das Wissen um unsere heilige Schöpferkraft, um unser wahres Wesen. Doch eine Gebrauchsanweisung ist nicht beigelegt. Die Gebrauchsanweisung sind unsere Impulse, ist unser inneres Wissen.

In jedem einzelnen Moment dürfen wir hinspüren und erfühlen, was für uns gerade stimmig ist. Und das mag verwirrend anders sein als bisher, dieses "was für uns stimmig ist". Es ist vielleicht noch nie in unserem Leben stimmig für uns gewesen. Jetzt plötzlich schon. Uns verlangt es plötzlich nach Sachen, nach denen es uns noch nie verlangt hat. Oder schon so lange und wir haben uns nicht getraut, dem nachzugeben.

Jetzt gibt es da plötzlich keine andere Wahl mehr, als diesem Impuls zu folgen, so unsinnig und seltsam, unvernünftig und verrückt das sein mag. Wir kommen an uns selbst nicht mehr vorbei. Wir können uns nicht mehr ausweichen. Das Leben lässt das nicht mehr zu. Alle, die es trotzdem versuchen, die versuchen, die Pappkulisse wieder aufzustellen, am alten Bild festzuhalten, die schüttelt es gerade richtig, richtig heftig.

Es ist, wie wenn das Leben mit jedem Tag vehementer wird und unbedingt möchte, dass wir ganz viel Altes und Überholtes, alles, was uns nicht mehr dient und uns klein hält, uns von unserem kompletten Potenzial abhält, unbedingt im alten Jahr zurücklassen sollen. Wie wenn uns das Leben jedes Mal auf die Finger klopft, wenn wir wieder nach dem alten Schema greifen wollen.

Gefühlt geht es für jene immer leichter, die schon mutig Altes losgelassen haben. Die sind erfüllt von einer tiefen Ruhe, von Vertrauen und Frieden. Die spüren eine großartige Kraft für sich, für das Leben, für das neue Jahr.

Diejenigen, die dem Braten "Leben" und vor allem ihrer eigenen Macht und Kraft noch nicht trauen, die sich selber noch klein halten oder noch irgendwo Opfergedanken haben, die werden gerade gefühlt so richtig fett geschüttelt. So viele Hände, wie sie bräuchten, um die Einzelteile ihres Lebens zusammenzuhalten, die ihnen gerade um die Ohren fliegen, haben sie nicht.

Es wird nichts anderes übrig bleiben, als alles fallenzulassen, was wir ja doch nicht mehr halten können. Alles sein zu lassen, wie es gerade ist. Die Dinge mal wirklich einstürzen zu lassen, ohne etwas kontrollieren zu wollen. Einfach mal das Leben machen lassen und schauen, was nach einer großen Naturkatastrophe wundersam für ein neues Leben entsteht, wie die Natur sich selbst regelt.
Geben wir dem Leben die Chance mit uns das zu machen, was es tatsächlich mit uns vorhat. Lassen wir uns dahin führen, wo das Leben uns wirklich braucht und haben will. Lassen wir die Trümmer Trümmer sein und schauen wir mutig, was darunter echtes zum Vorschein kommt, wie unser Leben denn eigentlich wirklich gedacht ist.

Eins hab ich im vergangenen Jahr erfahren dürfen. Das, was sich mein Leben Großartiges für mich ausgedacht hat, hätte ich mit meinem einfachen Verstand niemals ersinnen können. Hätte ich irgendwas steuern wollen, wären mir so geile Sachen und Erfahrungen durch die Lappen gegangen.
Also an alle, die gerade versuchen, noch irgendwas in ihrem Leben zu kontrollieren: Lasst es bleiben. Das Leben kann es einfach besser. Es ist der weitaus bessere Regisseur als euer Verstand.

Ich sende euch Herzensgrüße und wünsche euch, dass euch die Schnappatmung nicht von diesem geilen Ritt abhält.

Foto: Canva
Text und Gestaltung: Anja Reiche

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