So viele Jahre, Jahrzehnte,
Jahrhunderte hat er gemacht und getan, sich abgerackert und ständig
versucht, alles unter Kontrolle zu behalten, dafür zu sorgen, dass ich
versorgt bin, dass Geld reinkommt, dass ich funktioniere, dass ich
leiste.
Er hat sich in all der Zeit keinen schwachen Moment
erlaubt. Er hat die Zähne zusammen gebissen und weitergemacht, auch wenn
er mehr als einmal an seinen Grenzen war, ja sogar schon weit darüber
hinaus. Schwach sein, krank sein, sich ausruhen, Stunden der Muße,
Genuss, Leichtigkeit, das kennt er alles nicht. Er kennt es nicht, dass
er getragen wird. Er trägt und das ziemlich schwer.
Alles lastet
auf seinen Schultern, die drohende Gefahr sitzt ständig im Nacken. Er
alleine hat alles zu stemmen, alles zu bewältigen, alles zu analysieren
und immer den "sichersten" nächsten Schritt zu wählen. Er kennt es
nicht, versorgt zu werden. Er kennt es nicht, weich zu sein, nachlässig,
naiv, gutgläubig, voller Vertrauen ins Leben. Dem einzigen, dem er
vertraut, ist sich selbst.
Diese Härte, diese Last, dieses stete
Tun und kontrollieren wollen, das Zähne zusammenbeißen und Durchhalten
um jeden Preis hinterlässt Spuren. Der Körper ächzt, er wird hart im
wahrsten Sinne des Wortes. Verspannungen in Schultern und Nacken,
Ablagerungen in den Gelenken und Blutgefäßen. Die Zähne werden porös,
weil total überfordert. Karies entsteht aufgrund der vielen faulen
Kompromisse. Das ständige Zusammenbeißen und Durchbeißen schwächt die
Zähne zusätzlich, weil die Energie nicht mehr fließen kann. Entzündungen
können im ganzen Körper auftreten, weil wir ständig kämpfen - gegen uns
selbst, gegen das Leben, gegen die Leichtigkeit, die Freude, den
Genuss.
Wie ich auf all das komme? Ich saß gerade im Wald und
habe meditiert. Da kam dieses Gefühl der Sinnlosigkeit, dass alles Tun
und Machen ja doch zu nichts führt und Selbstheilung wohl doch eine
Farce ist. Tief in mir weiß ich, dass es anders ist und ich habe ja
schon erlebt, daß Selbstheilung und die Art wie ich meinen Weg gehe,
hervorragend funktionieren und dennoch war da dieses Gefühl. Es war sein
Gefühl. Mein innerer Mann fühlt sich so. Das ständige Rackern ist so
sinnlos.
Ich habe in den letzten Tagen unfassbar viel
geschlafen, war total erschöpft. Ich habe auch wieder gefastet aus einem
plötzlichen Impuls heraus. Das hat nochmal mehr zu meiner Schwäche
beigetragen. Beim letzten Mal Fasten sind ganz viele Symptome
verschwunden, dieses Mal nicht.
Also sitze ich da vorhin im Wald
an meinem Kraftplatz und spüre hin, stelle mir vor, ich wäre mein
rechtes Knie, das immer noch nicht längere Strecken gehen mag. Und
plötzlich sehe ich all die Ecken und Kanten, die Verhärtungen. Da fehlte
das Weiche. Ich sehe meine innere Frau, das weibliche Prinzip, das sich
in Demut verneigt, vor dem Leben in tiefer Dankbarkeit in die Knie
geht. Und dann sehe ich meinen inneren Mann, der stocksteif dasteht und
auch nach mehrmaligem Bitten nicht nachgibt. Er kann und will es sich
nicht erlauben, in die Knie zu gehen, sich hinzugeben, demütig zu sein.
Er muss ja schließlich leisten und aufpassen und kontrollieren.
Tatsächlich bin ich über diese Bilder überrascht. Ich gebe dem
Weiblichen, Weichen, der Hingabe und dem Vertrauen so viel Platz und
Raum und das schon seit einiger Zeit. Und während ich das tippe, muss
ich echt grinsen. Meine Güte, was sind ein paar Monate, in denen ich das
tatsächlich tue, im Vergleich zu Jahrhunderten???
Natürlich ist
mein innerer Mann erschöpft. Natürlich braucht es immer wieder extreme
Ruhephasen. Natürlich braucht mein Körper noch Zeit für die
Regeneration. Ich darf milde mit mir sein. Ich darf Geduld haben. Ich
darf mich wieder und wieder ganz extrem ausruhen.
Dieser Mann in
mir, er darf zusammenbrechen, er darf sich erholen, er darf Schwäche
zeigen, er darf nicht mehr können. Und da sehe ich sie nun sitzen. Meine
innere Frau sitzt am Boden, der Mann liegt bei ihr, erschöpft und schon
am Einschlafen, den Kopf auf ihrem Schoß. Sie streichelt ihn und
versichert ihm, so lange bei ihm zu sitzen, bis er wieder aufwacht. Das
darf jetzt so sein. Die Frau ist sich ihrer Sache so sicher, dass der
Mann sich darauf einlassen kann. Er spürt, dass sie recht hat. Er spürt,
dass sie weiß, was sie tut. Er spürt, dass sie mehr weiß als er. Sie
trägt das alte Wissen in sich.
Ich lasse ihn ruhn. Ich lasse ihn
in ihrer Obhut. Sie weiß, was zu tun ist. Sie kennt den Weg in die
Heilung. Und er darf sich entspannen, ausruhen, regenerieren. So sei es!
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Foto: Canva Gestaltung und Text: Anja Reiche |