Mittwoch, 18. Februar 2026

Uns wurde in der Kindheit eine erdrückende Macht zugesprochen

Die meisten wurden in ihrer Kindheit mit einer ungesunden Allmachtsfantasie ausgestattet. Uns wurde von den Eltern eine Macht zugewiesen, zugesprochen, zugeschoben, die uns überhaupt nicht gehört. Uns wurde erzählt, dass wir es in der Hand haben, ob für die anderen eine Welt einstürzt. Emotional. Das emotionale Wohlbefinden der Eltern und anderer Erwachsener lag anscheinend in unserer Hand. Unser Verhalten, unser SoSein schien darüber zu entscheiden, wie es ihnen geht. Das wurde uns wieder und wieder vermittelt.

Oft wussten wir noch nicht mal, mit was wir das ganze Entsetzen auslösen konnten, aber wir taten es offenbar. Es passierte ja wieder und wieder und die Botschaft war immer die gleiche: Wegen DIR geht es mir so.

Wir waren verantwortlich – schuld – wenn sie traurig waren, enttäuscht, schlaflose Nächte hatten, sich Sorgen machen mussten, wütend oder ohnmächtig „wegen uns“ waren, nicht mehr weiter wussten, verzweifelt, ratlos waren. Wir alleine waren anscheinend befähigt für Wohl oder Weh der Eltern zu sorgen. Darin kam es nicht vor, dass es da womöglich eine eigene Verantwortung für sie gäbe, dass sie selber für ihr emotionales Wohlbefinden zuständig wären. Das wurde nicht vermittelt. Nicht im Ansatz.

Es schien immer wieder so zu sein, dass wir das Leben anderer auf eine unangenehme Weise beeinflussen konnten, zu der nur wir in der Lage sind. Da gab es keine höhere Ordnung. Da gab es keinen Blickwinkel, der von einer Weisheit sprach, in der immer das Richtige geschieht, auch wenn es grad weh tat. (Damit meine ich, was Kinder in Eltern auslösen, nicht was Eltern Kindern zufügen.) Da gab es keinen Gott, keine höhere Macht, keine wirkende Intelligenz, in die wir alle eingewoben sind.

Wir waren für den Schmerz der Erwachsenen verantwortlich, den wir gar nicht ursächlich bewirkt hatten. Gleichzeitig waren sie aber nicht für den Schmerz verantwortlich, den sie in uns tatsächlich verursacht haben. Also wenn wir Schmerzen hatten, emotional wie auch körperlich, waren wir ebenfalls selber schuld.

Die ganze Welt auf unseren Schultern. Die der Eltern. So wie unsere eigene. Im Grunde wurde uns als Kind gesagt, wir wären auf eine sehr schräge Weise Gott oder sogar mächtiger als er.

Natürlich hat sich in uns abgespeichert, dass wir vorsichtig sein müssen, übervorsichtig, dass wir uns zurückhalten müssen, zügeln, dass wir ganz viel falsch machen können, Erwachsenen und uns selbst ursächlich Schmerz zufügen können und deshalb unglaublich aufpassen müssen, alles im Auge behalten müssen, für andere mitdenken und -fühlen, ja, dass wir eine zerstörerische Urgewalt sind oder zumindest eine in uns tragen. Natürlich ist da die Idee, dass für alles „Unheil“ – ob im Umfeld oder bei uns selbst – die Ursache in uns zu suchen ist.

Der Druck dieser unwahren Allmachtszuweisung ist fürchterlich, ja eben erdrückend und vor allem so unfassbar weit von der Wahrheit entfernt. Diese krasse Lebenslüge macht Beziehungen erst toxisch. Die einen nehmen die Schuld nur zu gerne und die anderen haben die Nase voll von der Schuld und weisen ALLES von sich, auch die eigene Verantwortung. Die Wunde ist die gleiche. Nur der Umgang damit ein völlig anderer.

Für mich ist eines wahr: Es ist nicht möglich als Kind bei den Eltern einen emotionalen Schmerz ursächlich zu setzen. Umgekehrt schon. Es ist nicht möglich als Erwachsener (ohne Einsatz von körperlicher Gewalt oder Waffengewalt) bei einem anderen Erwachsenen einen emotionalen Schmerz ursächlich zu setzen. (Etwas in mir überlegt und prüft und scannt alle Eventualitäten und gleichzeitig bleibt diese Wahrheit in mir da.)

Es gilt für meine Begriffe, diese falsche Macht als unwahr zu erkennen und die wahre Macht und Ordnung anzuerkennen.