Dienstag, 10. Juli 2018

Manchmal muss man einfach loslaufen

Vor ziemlich genau einem Jahr hat mir das Leben diesen Satz zugerufen. Damals hatte ich beim Gedanken an die bevorstehende Reise auch mega Schnappatmung. Es war die erste Reise, die ich nach meiner jahrelangen Phase der Heilung und des Rückzugs ALLEINE machte. Jahre hatte ich mit Schmerzen zu tun, mit Ängsten, mit Mangel. Und dann war es plötzlich dran, endlich wieder raus ins Leben zu gehen, mich vorsichtig aus meinem Versteck zu wagen. Das Leben hat mir damals diesen Satz "hingeworfen" und ich wusste sofort, dass er wahr ist, auch wenn ich mir so gar nicht vorstellen konnte, wie das aussehen würde.

Also bin ich los. Mit Nachtzügen 12 Stunden nach Kempten und von da mit Mischa Miltenberger und seinem Camper nach Arco, Italien, zum Kongressfest von Stefan Hiene. Der Weg nach Kempten war ein Trip sondergleichen. Unwetter, Zugausfälle, eine Weiterreise scheinbar unmöglich. Also stand ich mitten in der Nacht da am Bahnhof und hab mich an diesen Satz erinnert und das Leben aufgefordert, mir genau das jetzt zu zeigen, mir eine Lösung zu präsentieren. Mein Entschluss war klar, ich würde rechtzeitig in Kempten sein. Ich würde am nächsten Morgen bei Mischa ins Auto steigen. Ich würde, komme, was wolle, zu diesem Kongressfest nach Italien fahren.

Und dann öffnete sich die Tür. Wir wurden mit Taxis verteilt, weil sich die Bahnangestellten nicht mehr anders zu helfen wussten. Also mit dem Taxi mal eben 2 Stunden von Osnabrück nach Köln, damit ich da um drei den Anschlusszug nehmen kann. Meine Mitreisenden super nett, der Taxifahrer auf der Jungfernfahrt mit seinem neuen Auto total glücklich, gleich so eine Tour machen zu können, die auch noch von der Bahn bezahlt wird, der Tankwart so nett, uns als letzten Kunden eben noch zu bedienen, bevor er schloss.

Ab da lief die Anreise wie am Schnürchen. Im letzten Zug von München nach Kempten hab ich sogar mal eben mein Buch promotet und vor lauter Quatschen hätte meine Gesprächspartnerin fast das Aussteigen vergessen.

Alles, was dann in Arco noch an Herausforderungen auf mich zukam, brachte mich immer noch mehr ins Vertrauen. Selbst als ich dort komplett in meine Kleinheit und meinen Minderwert gefallen bin, hab ich mich dem einfach hingegeben und vertraut. Die Geschenke waren einfach nur der Hammer und kaum in Worte zu fassen. Selten habe ich mich so reich beschenkt und getragen gefühlt, so gestrahlt und das Leben genossen. Die Fülle war an jeder Ecke.

Ein Jahr später hab ich nun dem Ganzen noch eine Schippe draufgelegt und bin ganz alleine losgezogen mit dem eigenen Camper (Danke Wolfgang, dass du das möglich gemacht hast. ❤️) und ganz ohne Erfahrung. Der Satz von damals begleitet mich jeden Tag und er bestätigt sich jeden Tag.

Das Leben hat es verdient, dass wir ihm vertrauen. Das Leben hat es verdient, dass wir in "Vorleistung" gehen und einfach losgehen, ohne dass wir den genauen "Plan" kennen würden. Es entfaltet sich vor uns mit jedem Schritt, den wir tun. Der Weg schiebt sich uns beim Gehen unter die Füße. Und es ist einfach nur großartig, das jeden Tag aufs Neue erleben zu dürfen. Was für ein Geschenk! Was für eine Leichtigkeit! 





Gestaltung und Text: Anja Reiche
Foto: Canva


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