"Hätte uns als Kind einmal jemand gesagt, wie zersprengt und kaputt die Erwachsenen in Wirklichkeit sind..."
Mir ist klar, dass alles genau so richtig war, wie es war, dass nichts hätte anders laufen müssen. Und dennoch hat es für mich immer wieder eine unglaublich heilsame Wirkung, wenn nachträglich die Wahrheit zu den verstörten, verwirrten, verzweifelten, verletzten Anteilen fließt. Alleine die Info, dass die Erwachsenen meiner Kindheit unfassbar verletzt und zersprengt waren/immer noch sind.
Es ist direkt zu spüren, wie sehr sich ALLES sofort verändert, wenn diese meine inneren Kinder tatsächlich die Möglichkeit bekommen, zu begreifen, zu verstehen, wenn das Erlebte von damals und ihre Gefühle auf einmal Sinn ergeben, zusammenpassen, sie sich selbst darin endlich verstehen können, merken, dass mit ihnen immer alles richtig war.
Immer wieder ist es so, als ob meine Erwachsene, die das alles durchdrungen hat, den Kindern von damals nun endlich von den tatsächlichen Begebenheiten erzählen kann.
Das, was mir vorgeworfen wurde, was angeblich an mir oder in mir zu finden gewesen ist, war nicht da. Meine Mutter hat mich nicht wahrgenommen, wie ich tatsächlich gerade da war und es war auch nicht ein gesamtes, heiles, erwachsenes Wesen, was da auf mich geschaut hat und zu mir gesprochen hat, mit mir interagiert hat. Es waren ihre verletzten Anteile und zwar alle fünf Minuten andere, die höchst widersprüchlich zueinander standen.
Meine Wut und Ablehnung galt also nicht einem ganzen, menschlichen Wesen, nicht meiner Mutter an sich, sondern den verletzten Anteilen, die hab ich weggestoßen. Wie oft kam ich mir in meinen heftigen Reaktionen unmenschlich vor, dachte wirklich, dass ich einem ganzen Menschen weh tun würde, ihn im Stich lassen würde, selbstverständlich menschliche Wünsche und Bitten abschlagen würde. Mit der Information, dass da kein ganzes Wesen ist, dass ich mich gegen Verzerrung und Bedürftigkeiten ihrerseits wehre, für die ihre Anteile gerade fälschlicher Weise mich als Erfüller auserkoren haben, verstehe ich mich auf einmal ganz anders in meinen Reaktionen und begreife, dass ich damit total recht habe, dass sie gerechtfertigt, natürlich und völlig adäquat sind und waren.
Ich weise nicht sie im Ganzen zurück. Ich schlage keine Bitten eines Erwachsenen ab. Ich weise die Anteile ab, die glauben, etwas von mir zu brauchen. Dieses scheinbare Brauchen von mir ist grundverkehrt. Da ist kein Erwachsener, den ich im Stich lasse, da ist ein inneres Kind, dessen Erwachsener es selbst im Stich gelassen hat. Ich bin überhaupt nie zuständig gewesen und die Bitte war keine echte Bitte.
Meine ganz natürliche Menschlichkeit als Kind, die selbstverständlich den Wunsch hatte, dass es allen gut geht, war total oft mein größter Fallstrick. Dieses Kind hätte die Wahrheit über die Beschaffenheit der Erwachsenen gebraucht. Dieses Kind hätte es gebraucht, dass im Moment der Vorwürfe und Schuldzuweisungen, sich jemand vor mich stellt und alles von mir weist, mir sagt, dass das, was da gerade scheinbar über mich geäußert wurde, mir zugeschrieben wurde, nicht die Wahrheit über mich ist, dass der "Erwachsene" gerade überhaupt nicht in der Gegenwart ist und mich schon gar nicht wirklich sehen kann. Ich hätte die Info gebraucht, dass die "Bitten" Bedürftigkeiten sind und das mein sofort empfundenes Widerstreben und mein Nein komplett stimmen.
Es hätte die Wahrheit zwischen mir und der verletzten Bezugsperson platziert werden müssen. Und wieder: Ich meine damit nicht, dass damals etwas hätte grundsätzlich anders sein müssen, sondern was es zur Unversehrtheit gebraucht hätte, also was dem Kind von damals in einem Umfeld von all den kaputten Erwachsenen dienlich gewesen wäre. Und das ist genau das, was über die Jahre wieder und wieder in der Selbstbegleitung nachträglich geschehen ist. Die Wahrheit hat Einzug gehalten. Meine inneren Kinder wurden nach und nach informiert, was damals tatsächlich passiert ist und haben das bekommen, was damals essentiell gewesen wäre - durch mich.
Eins nach dem anderen kam in der Wahrheit endlich zur Ruhe.
