Donnerstag, 18. Juni 2026

Wenn die "feste" Bezugsgröße ein Chamäleon ist

Da ist keine feste Bezugsgröße. Die Menschen, auf die ich mich beziehe, sind völlig inkonsistent. Sie verkörpern in ihrer eigenen Zerrissenheit unbewusst so viele „Wahrheiten“ gleichzeitig, die sich völlig widersprechen oder manchmal einfach wie nicht mehr da sind - von jetzt auf gleich - und entsprechend bekomme ich immer wieder Rückmeldung. Alles, was ich glaubte, verstanden zu haben, worauf ich weiter aufbaue und wovon ich ausgehe, ist im nächsten Moment weggefegt. Die ganze Beziehung auf einmal nicht mehr da. Ich dachte, ich hätte Halt, da wäre jemand, den ich einschätzen kann. Ich habe geglaubt, dass er das, was er vorgibt zu sein, auch ist und zwar ganz.

Stattdessen - und das kann ich erst aus heutiger Sicht sagen - waren da ständig unterschiedliche Anteile aktiv, die völlig gegensätzlich aufgetreten sind. Da war zwar für mich als Kind rein äußerlich immer der gleiche Mensch, aber er war in keiner Sekunde der, wie in der Sekunde davor. Ich begreife gerade in einem völlig neuen Ausmaß, was es als Kind bedeutet, fragmentierte, zersplitterte, zerrissene, hochgradig verletzte Eltern zu haben, die davon noch nicht mal im Ansatz etwas wissen oder ahnen. Puh!

Jedes Mal, wenn das passiert, also quasi nachträglich immer wieder alles anders ist, worin wir uns bis dahin in meinem Erleben einig waren, ist es für mich als Kind, als würde ich jäh aus der Grundannahme von Beziehung und Sicherheit gerissen. Von jetzt auf gleich ist da wieder nichts. War da eben noch ein Gegenüber, das ich zu kennen schien und auf das ich referiert habe, ist da auf einmal eine große Unbekannte, ein Fremder. Das ist so gruselig, immer wieder festzustellen, dass ich den anderen überhaupt nicht kenne. Immer wieder muss ich mich fragen, was das denn bis dahin dann bitteschön gewesen ist? Mit wem war ich da die ganze Zeit? Ich, lost in space. Mit einem Satz ALLES weg, was nur ansatzweise (m)eine Welt hätte sein können.

Das Wesen, das konstant und stabil da sein müsste, damit ich Orientierung finde und mich und die Welt kennenlernen kann, ja, das Wesen, das für mich die Welt VERKÖRPERT, ist ein Chamäleon. Ich möchte schreien. Ich möchte den anderen schütteln, so lange, bis er wach und ganz da ist und zwar dauerhaft, die Farbe, sein Wesen behält. Für dieses Kind, dem diese Wechselhaftigkeit und Widersprüchlichkeit ständig entgegnet, entfaltet sich der Horror in Dauerschleife. Das, worauf ich mich beziehe, ist im nächsten Moment weg, nicht mehr wahr oder mir wird gesagt, ich hätte das falsch verstanden, was manchmal sogar für länger unser Konsens war.

Immer wieder fange ich von vorne an. Immer wieder gehe ich erneut vom Besten aus, davon, dass es aber ab jetzt stabil ist. Was für eine notwendige, kindliche Illusion! Und immer wieder wird genau diese Illusion zerstört. Immer wieder kommt die fucking harte Realität, die Wahrheit der Kindheit: Diese stabile Bezugsgröße, die ich als Kind so dringend bräuchte, gibt es nicht.

Jetzt steht da dieses Kind, wie vom Donner gerührt. Der letzte Satz im vorigen Absatz dringt irgendwie durch. Kurze Panik, kurz Schwindel, ein hektisches, suchendes Umherschauen, die Frage: „Ja, aber… und jetzt?“ Dann wird es ruhig. Eine Art Besinnung und Zentrierung. Der Blick geht von außen nach innen. Der Anteil spürt sich selbst. Die Füße auf dem Boden. Fühlt in sich hinein und nimmt etwas sehr Stetes und Stabiles wahr. Da ist ein Halt im Inneren, entlang der Wirbelsäule eine Art Aufgerichtetsein, eine Art Anbindung und Verbindung. Im Solarplexus ein Referenzgefühl wie für das echte Bauchgefühl, das innere Navi. Die Kleine ist gefühlt gleichzeitig alle Altersstufen von acht bis zwölf. Die Zeitspanne, in der ich wohl am meisten um Greifbarkeit und Konsistenz im Außen gekämpft habe. Ich hätte gerne die Kontrolle darüber gehabt. Das wird mir auch gerade klar. Kontrolle über die Konsistenz meiner Bezugspersonen. Himmel!!!!

Nun steht da dieses mehraltrige Kind und erfasst sich selbst, die Tatsache, dass in ihr schon etwas ist, was sie nicht mehr über das Außen erlangen muss. Sie hat es mitgebracht. Es ist schon funktionsfähig. Tränen steigen auf. Unendliche Erleichterung! Es keucht und seufzt voller Erlösung und Dankbarkeit! Weint! Stöhnt! Oh Gott sei Dank! Der Horror hat ein Ende! Die wahren Bezugspunkte sind in ihr, in mir! Jetzt lacht sie unter Tränen! Was für ein Geschenk! Das alles geschieht gerade, während ich hier tippe. Mir laufen die Tränen genau wie ihr! Homecoming! Das ist einfach nur nach Hause kommen! Die verzweifelte Suche im Außen ist überflüssig geworden.