Mittwoch, 10. August 2016

Die Kraft des tosenden Wassers

Meterhohe Wellen begleiten mich seit Tagen in den Träumen. Mal wird ein ganzer Landstrich sintflutartig gespült und legt das Gold frei, das im Boden liegt, mal schießt das Wasser in Sturzbächen durch eine Stadt und lässt alles versinken, mal türmt sich das Meer Haus hoch auf und rollt über das Land dahinter. Mittendrin bin immer ich. Mal bin ich Beobachter, mal werde ich mitgerissen. Aber ich werde weder nass, weil ich gerade in einem Bus oder Haus bin, noch fühle ich mich bedroht. Ich weiß immer, dass ich überleben werde. Ich kenne immer die Stellen, an denen mir nichts geschieht und auch wenn ich gerade nicht an diesen Stellen bin, passiert mir trotzdem nichts.

Heute Nachmittag waren diese Wellen und das tosende Wasser auch im Wachzustand total präsent. Normalerweise habe ich eine Heidenangst, wenn es um hohe Wellen geht, aber diese Wellen sind irgendwie magisch und beruhigend, obwohl sie so kraftvoll und groß sind. Ihre Bedeutung kann ich noch nicht greifen. Sie faszinieren mich, scheinen irgendwas darzustellen, einen tiefen, ganz wichtigen Sinn zu haben. Ich sehe sie, ich höre sie, ich fühle sie auf subtile Art und sie geben mir ganz viel. Da ist eine Kraft, die unbeschreiblich ist, mächtig. Gänsehaut läuft mir hoch und runter. Die Wellen, sie scheinen mir diese Kraft zu geben, eine Power, die nur die Masse eines reißenden Flusses oder einer riesigen Welle haben kann. Nichts kann sie aufhalten, das Wasser findet immer seinen Weg. Es gibt nichts, was man ihm in den Weg stellen könnte, das das ganze aufhält. Das Wasser schießt einfach drum herum. Und wenn die Flut vorbei ist, dann scheint da erstmal Zerstörung zu sein, aber in Wahrheit sind Schätze freigespült, ist Platz für ganz viel Neues, wurde vieles gereinigt und bereinigt. Manches hält dieser Kraft auch stand, auch wenn es nicht viel ist. Das darf bleiben. Der Rest gehörte sowieso nicht zu mir und zu meinem Leben und kann gerne weg sein.

Nun habe ich das Bedürfnis in diesem inneren Bild in die Fluten zu springen, etwas, was ich mich im echten Leben niemals trauen würde, ins aufgewühlte Mee(h)r springen. Witzig! Das "h" hat sich gerade ganz unbewusst ins Meer geschlichen und ich muss feststellen, dass auch das irgendwie stimmt. Ich traue mich noch nicht, im echten Leben ins aufgewühlte, tosende, lebendige Mehr zu springen. Schon seit einigen Wochen geht es für mich darum, voller Vertrauen in das Leben zu springen.

Vor zwei Tagen wurde mir nochmal deutlich bewusst, was mich bislang abgehalten hat. Wieder war es ein inneres Bild, das half, für Klarheit zu sorgen. Das Leben liegt reich und großartig vor mir ausgebreitet, ich sehe den Weg, würde gerne loslaufen, den ersten Schritt machen, doch ich kann nicht. Ich kann mich einfach nicht bewegen, kann meine Füße nicht bewegen. Als ich dem ganzen nachgespürt habe, wurde es mir schlagartig klar: Tief in mir drin glaubte ich immer noch, dass mir das alles nicht zusteht. Das pralle Leben, die Fülle, die Leichtigkeit - es steht mir nicht zu. Wenn ich doch mal etwas Schönes erleben will, mir was gönnen will, mir etwas leiste, dann muss ich es mir ergaunern, das Leben darum betrügen.

Dieser Glaubenssatz wurde sehr in meiner Kindheit geprägt. Da habe ich so oft erlebt, dass das Leben genauso ist. Wir Kinder mussten immer viel mit helfen und es gab unzählige Situationen, in denen ich hätte arbeiten sollen, mir aber heimlich eine Auszeit genommen habe, z. B. sollte ich putzen, hab mir aber ein Buch genommen und unerlaubter Weise gelesen. Wenn ich dann meine Mama auf der Treppe hörte, dann flog das Buch in eine Ecke und ich tat ganz schnell so, als würde ich was tun. Ich musste mir damals die schönen Momente und den Genuss, die Leichtigkeit wirklich ergaunern und das Leben darum betrügen. Und auf diese Überzeugung bin ich wieder gestoßen, als ich da so vor meinem ausgebreiteten Leben stand und nicht loslaufen konnte. Mir wurde auch sehr schnell klar, dass das nicht nur meine Überzeugung ist, sondern sie wirkt generationsübergreifend und wurde schon zig mal vererbt. Ich hatte sofort das Bild meiner Oma vor mir, die es ihr Leben lang genau so machen musste. Alles Schöne, jeden Genuss musste sie sich ergaunern und stehlen, weil es eigentlich nicht erlaubt war.

Seither habe ich mein inneres Kind, das damals angefangen hat, das alles zu glauben, ganz oft liebevoll in den Arm genommen und ihm gesagt, dass ihm das Allerbeste zusteht, das Allerallerbeste und noch viel mehr. Es hat jeglichen Reichtum, jegliche Fülle und vor allem Leichtigkeit und Freude aber sowas von verdient. DAS ist das wahre Leben - FREUDE!!!

Wieder bin ich um einiges leichter und freier, wieder ein Stück näher am Sprung, am loslaufen. Und nun heute diese Kraft des Wassers, das nichts und niemand aufhalten kann. Wie Wasser immer seinen Weg findet, finde auch ich immer meinen Weg. Es geht gar nicht anders. Nichts und niemand kann mich aufhalten, in die Leichtigkeit, in die Fülle, in den Genuss, in die Freude zu gehen! NICHTS! Mein Weg liegt vor mir und ich werde ihn weitergehen. IMMER! Immer weiter und die Sonne scheint immer heller, ich werde immer leichter und immer mehr ich, immer mehr pure Freude! Ich nutze die Qualität des tosenden Wassers!

Ich liebe das klärende Wirken vom Schreiben!!! ♥

Herzensgrüße von mir
Anja

Foto: Anja Reiche


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