Montag, 20. Juli 2015

Mein Ausschlag hat mich an meine Grenzen gebracht

Im letzten Artikel Das Thema Selbstwert "juckt"! hatte ich bereits von meinem Ausschlag erzählt und darüber, was wohl dahinter steckt. Einige Erkenntnisse gab es da ja schon. Dieser Ausschlag hat mich nun tatsächlich an meine Grenzen gebracht. Im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen Sinne.

Neulich hatte ich noch geschrieben, dass ich nicht glaube, dass die Aggression noch eine Rolle spielt und sich so heftig in körperlichen Symptomen ausdrückt. Da hatte ich wohl geirrt. Am Wochenende überrollten mich Erkenntnisse, alter Schmerz und alte Wut.

Nachdem das homöopathische Mittel Arsenicum album C30 über Wasser erste Erleichterung brachte, merkte ich schnell, dass es zwar das richtige Mittel war, aber die Potenz zu niedrig. Ich entschied mich also Donnerstagabend für eine Gabe C200. Nur kurze Zeit nach dieser Einnahme reagierte mein Körper extrem und der Juckreiz und die Quaddeln legten nochmal richtig zu. Eine Erstverschlimmerung. Freitagmorgen wurde ich dann schon um kurz vor 6 Uhr aus dem Bett getrieben. Die Nacht bis dahin war auch nicht sehr erfolgreich. Nur Halbschlaf war möglich, das Kribbeln und Jucken machte mich zwischendurch immer wieder wach. Der Juckreiz an diesem Morgen war die Hölle und ich wusste nicht wohin mit mir. Vor allem in den Händen, in den Fingern, war es besonders schlimm. Alles dick und kribbelte bis zum Abwinken. Ich nahm erneut eine Gabe C200. Der Ausschlag wurde daraufhin zwar nicht mehr schlimmer, aber eine Besserung war auch nicht in Sicht. Das zerrte ziemlich an meinen Nerven und ich merkte, dass ich extrem wütend wurde. Also ging ich mal wieder mein Sofa verdreschen. ;) Ich bin der Meinung, dass die Wut immer fließen sollte. Wie schon so oft schlug ich mit dem Sofakissen auf die Couch ein und schrie dazu, bis ich völlig erschöpft war. Der Schrei, der diesmal herausbrach, wollte gar nicht mehr enden. Es tat unheimlich gut, dem ganzen Luft zu machen.

Mittags versuchte ich dann nochmal mit dem Ausschlag Kontakt aufzunehmen. Und ich begegnete meiner Wut. Die kleine, süße Katze, die sie immer verkörpert. Sie saß in der Ecke, einsam und abgelehnt. Ich war überrascht. Habe ich die Wut doch schon so oft in den Arm genommen und ihr Liebe geschenkt. Wohl noch nicht genug. Also sagte ich ihr wieder, dass ich sie liebte und dass sie da sein darf, nahm sie in den Arm und schenkte ihr Annahme. Im nächsten Bild sah ich mich in meiner vollen Größe, den Löwen der Kraft und des Mutes neben mir (in den hatte sich die Katze der Wut schon vor längerem verwandelt - ich kenne ihn bereits). Ich war kraftvoll, selbstbewusst, zog meine Grenzen und verteidigte mein Revier, brüllte, wenn es nötig war, um meinen Raum zu wahren. Ein sehr schönes Bild. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass da noch mehr drin war.

Mir wurde plötzlich schmerzlich bewusst, dass ich als Kind und Jugendliche keine eigenen Grenzen haben durfte. Ich hatte keinen eigenen Raum, kein Recht auf ein eigenes Wesen. Meine Grenzen wurden immer wieder überschritten und aufgebrochen. Dieser Satz "Ich durfte keine eigenen Grenzen haben." schwang so in mir nach, dass ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Während ich hier so sitze und versuche, die Geschehnisse der letzten Tage zusammenzuschreiben, merke ich, dass alles wie im Nebel liegt. Der Ausschlag war so mächtig und präsent, dass er irgendwie alles andere übertüncht hat. Ich hatte an diesem Freitag noch ähnliche Erkenntnisse in die richtige Richtung, aber mir fällt es beim besten Willen nicht mehr ein. Auch der Samstag ist sehr verschwommen. Ich weiß, dass die Nacht wieder fürchterlich war und ich immer mehr an meine Grenzen kam, ich war gereizt und weinte viel aus Verzweiflung. Es gab keine 5 Minuten ohne Juckreiz. Sonntagmorgen trieb es mich wieder um 7 Uhr aus dem Bett. Geschlafen hatte ich seit 5 Uhr nicht mehr. Und auch in der Nacht davor war wieder nur an Halbschlaf zu denken, immer wieder unterbrochen von Kratzen und Herumwälzen. Sonntagmorgen war ich dann wieder so wütend wegen dem Ausschlag, dass ich erneut meine Couch aufsuchte, um den Frust rauszulassen.

Während ich das Sofa mit dem Kissen maltretierte überrollte es mich dann. Von ganz unten kam ein heftiges Weinen hoch und ich wusste, dass dieses Weinen und der Schmerz nichts mit der jetzigen Situation des Ausschlages zu tun hatten. Was da hoch kam war alt, ziemlich alt und saß tief. Ich fühlte mich plötzlich in meine Jugend zurückversetzt. Sah mich in all den Situationen wieder, in denen ich einfach nur ich sein wollte und nicht durfte, in denen ich gebrochen wurde, immer und immer wieder. Mir laufen schon wieder die Tränen. Ich war wieder in dem Gefühl drin, wie es war, wenn man keine eigenen Grenzen haben durfte, bis zur Unkenntlichkeit verbogen war. Wenn nie Platz für das eigene Wesen war. Wie es war, nur funktionieren zu müssen, keine Privatsphäre zu haben, behandelt zu werden, wie ein Eigentum und wie Besitz. Mein inneres Kind von damals hat Wunden ohne Ende und sehnt sich einfach nur danach verstanden zu werden, mal Stille zu haben, Luft zu holen, es selbst zu sein. Da war dieser Teeny von damals, der einfach nur mal er selbst sein wollte. Das machen wollte, was er gerade will und nicht, was andere ihm vorschreiben. Der mal Raum für sich brauchte und nicht bekam. Ich hielt das Mädchen von damals im Arm. Es wollte das Gefühl haben, richtig zu sein und mal nicht belagert werden mit Dingen, die es zu erledigen gibt, mit indiskreten Fragen, mit einer ständigen Präsenz der Mutter. Das Mädchen von damals sehnte sich nach bedingungsloser Liebe und Rückhalt aber auch nach entsprechend Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten, Platz für sich selbst, Ruhe, um herauszufinden, wer es denn wirklich war.

Ich hab so sehr geweint, mich hat es richtig geschüttelt, als dieser ganze Schmerz nochmal hochkam. Und da konnte ich auch den Ausschlag ganz verstehen: Meine Grenzen (die Haut) wurden bis dahin immer dicker, wurden sichtbar, verstärkten sich (durch die Schwellung). Und gerade die Hände, die man auch mal heben sollte, um STOP zu sagen, waren übergroß und dick. Grenzen, die ich nie haben durfte, die mir immer wieder abgesprochen wurden, von denen mir erzählt wurde, dass sie nicht richtig sind und dass ich kein Recht darauf habe. Diese Grenzen gilt es heute neu zu ziehen. Es gilt MEINE Grenzen zu wahren und anderen zu zeigen. Ich darf es mir erlauben, eigene Grenzen zu haben und sie jedem anderen zu signalisieren. Bis hierhin und nicht weiter. Hier fängt meine Zone an, meine Persönlichkeit, mein Reich, mein Wert. Über diese Grenzen schreitet niemand mehr! Und wenn es nötig ist, brülle ich auch mal wie ein Löwe und zeige meine Zähne.

Gestern Abend habe ich dann ein drittes Mal Arsenicum album in C200 genommen und der Juckreiz nahm sofort ab. Heute sehen meine Hände wieder wie Hände aus und der Ausschlag ist um einiges zurückgegangen. Ich habe das Gefühl über den Berg zu sein, jedes Geschenk des Ausschlages gefunden zu haben. Ich durfte wieder mal erleben, dass eine Krankheit oder ein Symptom so lange bleiben, wie noch etwas für mich drin ist, so lange noch Geschenke unentdeckt sind. Erst dann kann Heilung eintreten.

Den Teeny von damals habe ich noch immer im Arm. Er braucht enorm viel Zuwendung und ich werde regelmäßig schauen, wie es ihm geht und wie sich das Bild verändert, was das Mädchen braucht. Aber auch diese Wunden werden heilen...

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen Tag!
Herzensgrüße von mir!
Anja

PS: Fühlt euch eingeladen, mir eure Eindrücke, die der Text hinterlassen hat und eure eigenen Erfahrungen mit seelischen Hintergründen von Hautausschlägen zu schreiben.

Foto: Anja Reiche




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