Samstag, 8. August 2015

Was ich meinen Eltern verdanke

In meinen beiden Artikeln "Wie die Kindheit in uns nachwirkt" und "Frieden mit den Eltern" habe ich darüber geschrieben, welche Wunden die Kindheit hinterlassen kann und wie man diese wieder heilen kann. Ich denke, dass die meisten von uns in irgendeiner Form solche Wunden von damals davongetragen haben.

So schlimm das alles gewesen sein mag, gibt es aber auch immer eine andere, eine positive Seite, einen Gewinn daraus. "Selten ein Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist." pflegt meine Oma immer zu sagen und damit hat sie völlig recht.

  • Die Tatsache, dass meine Eltern wenig Zeit für mich hatten, hatte durchaus auch etwas Gutes, denn ich habe früh gelernt selbständig zu sein. Ich war oft auf mich alleine gestellt und so ging ich Probleme und Herausforderungen eben selbst an und fand immer irgendwie eine Lösung. Ich habe gelernt, dass alles immer irgendwie geht und Vertrauen in mich gewonnen, weil ich merkte, dass ich alles schaffen kann. Geht nicht, gibt es nicht! Wenn ich etwas noch nicht kann, dann lerne ich es mir eben.
  • Ich habe gelernt, Entscheidungen zu treffen, weil ich es musste. Das hat mir niemand abgenommen. In viele Dinge, gerade was die Schule und die berufliche Entwicklung angeht, hat mir niemand reingeredet. Ich habe meinen Weg ganz alleine gewählt und konnte da das tun, was ich für richtig hielt. Und ich finde, dass ich das alles richtig gut gemacht habe. Ich habe gelernt, stark zu sein und für mich einzustehen.
  • Wir Kinder mussten mit anpacken. Das war einfach so. Und so oft mich das genervt hat und so oft wie ich sowas von keine Lust dazu hatte, habe ich doch viel gelernt. Zu Hause wurde viel selber gebaut und auch repariert. So kam es, dass ich technisch geschickt bin, dass ich mit Hammer und Nagel genauso wie mit einer Bohrmaschine umgehen kann. Ich kann Böden verlegen, tapezieren, streichen, Holzdecken anbringen und wenn nun bei mir etwas kaputt geht, dann schaue ich immer erstmal, ob ich das nicht selbst wieder reparieren kann.
  • Und genauso ist es im Haushalt. Auch da musste immer mit geholfen werden. Auch das hat mich oft genug genervt. Auch in dem Zusammenhang gab es Verletzungen, weil der Umgang manchmal nicht der wertschätzendste war. Dennoch habe ich auch hier viel gelernt. Ich kann kochen und backen und das nicht nur ein bisschen, sondern sogar ziemlich gut. Ich kenne viele alte Hausmittel und Tricks. Heute bin ich in der Lage meinen Haushalt wirklich gut zu führen.
  • Ich bin auf dem Land groß geworden, habe daher ein Gespür für die Natur und für Tiere. Wir waren unheimlich viel draußen. Ich kenne heimische Vogelarten, Bäume und Blumen und verstehe etwas von Obst- und Gemüsebau und generell von der Natur. 

Das ist mal eine kleine Auswahl, aber ich denke, der Grundgedanke ist klar. Ja, es gibt Wunden, die geheilt werden wollen. Ja, es gibt Hinderliches, das wir wieder aus dem Weg schaffen müssen. Ja, es tat oft weh. Aber ich glaube, dass jeder auf die ein oder andere Weise auch etwas Positives davon hat, dass es auch hier eine zweite Seite der Medaille gibt. Etwas Negatives hat auch immer etwas Gutes. Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Das, was damals war, hat dich auch im positiven Sinne zu dem Menschen gemacht, der du heute bist.

Und neben den oben aufgezählten Dingen, die ich als sehr wertvoll empfinde, kann ich sagen, dass das Wichtigste, was ich meinen Eltern zu verdanken habe, die perfekte Vorbereitung auf meinen Weg, ist.

Bei einer Heilmeditation, die ich im Januar diesen Jahres bezüglich meines schmerzenden Knies gemacht habe, kam das sehr schön zum Ausdruck. Hier ein Auszug aus den Geschehnissen:

"Die Messerspitze (sie steckte auf geistiger Ebene in meinem Knie) stand für all die „Spitzen“, die ich als Kind eingesteckt habe, für all die Demütigungen, die ich empfunden habe, für alle Verletzungen, die ich erfahren habe. Und mit diesem Wissen begann sich die Messerspitze in eine Art Verband zu verwandeln, den ich um die dünn geriebene Stelle an meinem Außenband legen konnte. Ich konnte mit der verwandelten Messerspitze mein Knie wieder heilen. Das, was mich verletzt hat, war auch in der Lage mich wieder zu heilen. Die Demütigungen verwandelten sich in Demut, denn ich begriff plötzlich, dass alles, was ich als Kind an Verletzungen erlebt habe, die beste Vorbereitung auf meine jetzige Arbeit waren, auf meinen Weg, auf mein wahres Wesen. Es ist die beste Basis und die beste Schule, die ich mir nur wünschen konnte. Wie könnte ich den Menschen besser helfen, als mit eigenen Erfahrungen. All die Klarheit, mit der ich die Zusammenhänge und Verstrickungen zwischen Klienten und deren Eltern sehen kann, verdanke ich nur meiner eigenen Erfahrung, meinen eigenen Erlebnissen, meiner Vergangenheit. Und plötzlich war auch der Hintergrund von meinem Knie sonnenklar. Die Spannungen, die ich tatsächlich zwischen der Familiengeschichte und meinem eigenen Weg gefühlt habe, dieses Gefühl von „ich bin anders und muss mich schützen und befreien“, drückten sich in diesem Schmerz aus. Diese gedankliche Spannung war auf einmal weg, denn ich erkannte, dass sich das alles gar nicht widerspricht. Das sind keine zwei Magneten die sich abstoßen, sondern vielmehr ist unsere Familiengeschichte und meine Vergangenheit das wunderbarste Fundament, auf dem ich jetzt gehen kann, das ich mir für meinen eigenen Weg nur wünschen kann. Als mir das klar wurde, legten in dieser Meditation meine Eltern heilend ihre Hände auf mein Knie und es floss unendlich viel Liebe. Ich wusste, dass diese Wunde nun heilen kann. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie sehr ich weinen musste. Zum ersten Mal sah ich meine Eltern als das, was sie wirklich sind: Zwei wunderbare Seelen, mit denen ich mich verabredet habe, damit sie mich auf perfekte Art und Weise auf meinen eigenen Weg vorbereiten und mich durchströmte unendliche Liebe, Dankbarkeit und Demut. Für meine Eltern, für diese liebevollen, großartigen Seelen, die sie sind, die sich auf einer höheren Ebene dafür bereit erklärt haben, mir diese ganzen Verletzungen „anzutun“, für dieses wunderbare, perfekte System, in dem wir hier leben. Da fiel mir der eine Satz wieder ein, den Gott in der Geschichte „Eine kleine Seele spricht mit Gott“ gesagt hat: "Denke stets daran", hatte Gott mit einem Lächeln gesagt, "ich habe dir immer nur Engel geschickt!" Und so ist es auch. Manchmal dauert es einfach, bis einem das wieder bewusst wird und man es wirklich fühlen kann.

Wenn ich heute mein rechtes Bein anschaue, dann sehe ich kein gebrechliches Etwas mehr, mit dem ich nicht weit komme und das ich nicht belasten kann. Wenn ich heute mein Bein anschaue, dann sehe ich ein wundervolles, kraftvolles Gebilde mit einer perfekten, robusten Basis als Oberschenkel (die Familiengeschichte) und einen agilen, wendigen Unterschenkel (meinen Weg), die beide absolut im Knie harmonieren und mit dem ich perfekt MEINEN Weg gehen kann. Meinen Weg mit einer Familiengeschichte, die mir den Rücken stärkt und mir alles gegeben hat, was ich für meine eigene Geschichte brauche!

Ich verneige mich in Demut vor all meinen Vorfahren, vor meinen Eltern und all den wunderbaren Seelen, die mich für meinen Weg vorbereitet haben."


Heute fühle ich wirklich eine tiefe Liebe zu meinen Eltern! Mama, Papa, ich danke euch!!! ♥

Herzensgrüße von mir
Anja

PS: Die ganze Heilmeditation findest du im Artikel "noch mehr Heilung".


Foto: Anja Reiche


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