Montag, 19. Januar 2026

Das gesunde Ich kommt vor dem Wir

Es gibt Menschen, die lösen sich in Gemeinschaft regelrecht auf und richten all ihre Handlungen und Aussagen an den anderen aus, stellen ihre eigenen Bedürfnisse beiseite, ja nehmen sie vielleicht gar nicht mehr wahr. Nehmen sich als eigenes Wesen gar nicht mehr wahr. Sie schauen ganz automatisch, dass es vor allem den anderen gut geht. Ich komm da auch her.

Ein Relikt aus einer Kindheit, in der es galt zu funktionieren, nützlich zu sein, die unangenehmen Gefühle der anderen zu vermeiden, lieb zu sein, niemanden in den Erwartungen zu enttäuschen oder aufzubringen. Die Eltern, die Familie, der Betrieb, die Gesellschaft standen über allem und vor allem vor ihnen in der Relevanz und Wichtigkeit.

Erwachsene, die es in der Kindheit erlebt haben, dass alle anderen und alles andere vor ihnen kommen, existieren in Gruppen manchmal gar nicht mehr, können sie selbst nur alleine sein, können sich selbst nur alleine hören. Sie haben regelrecht ein schlechtes Gewissen, wenn sie eigene Bedürfnisse haben. Noch schlimmer wird es, wenn diese vielleicht gerade nicht mit den Bedürfnissen anderer harmonieren.

Doch der Weg der Selbstwerdung ist essentiell für ein gesundes Wir. Individuation ist essentiell für zuträgliche, menschliche, würdevolle Gemeinschaft. Es braucht das gesunde Ich, das sich selbst behalten darf, wenn andere zugegen sind. Dieses Ich ist ganz natürlich ein Beitrag. Für sich und für andere.