Freitag, 2. Januar 2026

Vom Segen, das eigene Innenerleben im Außen wiederzufinden

Es ist immer wieder erstaunlich, was es ausmacht, zutiefst verstanden und begriffen zu werden. Wenn jemand innere Erfahrungsräume beschreibt, die mir selbst total vertraut sind, von denen sonst nie jemand spricht, weil die wenigsten sie je betreten haben.

Mir ist es vertraut, dass ich meine Innenwelten kenne, wie die eigene Westentasche und ich so gut wie alleine damit bin. Ich verstehe mich zutiefst, habe Worte für all das und es ist eher selten, dass mir von außen Worte für mein Inneres gegeben werden können, die ich selbst nicht schon gefunden hätte.

Wenn das dann doch mal geschieht, spüre ich jedes Mal diese unglaublich magische Wirkung des Bezeugtwerdens. Dieses Gefühl, dass es da anscheinend noch mindestens ein anderes Wesen gibt, das mit mir Erfahrungshorizonte teilt. Nicht nur ansatzweise ähnliche, sondern die dafür verwendeten Worte könnten exakter und treffender nicht sein für die Welt, die ich in mir durchwandere und von der ich es bisher gewohnt war, darin alleine zu sein.

Mein Innenerleben tatsächlich außerhalb von mir wiedergespiegelt zu bekommen, mich auf diese Weise quasi von außen betrachten zu können, ist jedes Mal wie ein Stück nach Hause kommen, in die Welt kommen. Mein Innen ist im Außen wiederzufinden. Ich bin erkannt und damit ist mein Sein wieder noch vollständiger da. Wieder ist ein Teil der kindlichen Isolation durch das Fremdsein in der Welt aufgelöst.

Mein Innenerleben außerhalb von mir präzise benannt zu bekommen ist Heilung pur. Eine Form der Ganzwerdung, die ohne Gegenüber nicht möglich ist und die für meine Begriffe unersetzlich und unerlässlich ist, um ganz hier auf der Erde anzukommen, landen zu können, zu Hause zu sein. Etwas, was für eine gesunde Entwicklung in der Kindheit schon hätte passieren müssen, also was natürlicher Weise stattgefunden hätte, wenn ein gesundes Umfeld da gewesen wäre. Sauber und präzise wiedergespiegelt werden, sich im Außen tatsächlich selbst erkennen können, unverzerrt und vor allem mit dem Innenerleben in Kontakt mit anderen treten können, weil da auch bekannt.

Was für ein Segen und Geschenk, dass es jetzt geschehen kann. Was für ein großer Dienst am Nächsten. Dieses Erleben erstaunt und berührt mich immer wieder zutiefst und die Wirkung haut mich jedes Mal schier um, die Wirkung davon, mein komplexes, riesiges Innen genauso komplex und erschlossen da draußen zu sehen.


Nachtrag:
Ich bemerke gerade, wie sehr ich "verstanden sein" gleichsetze mit "fühlend begriffen". Was es ausmacht ist tatsächlich, dass jemand überreißt, was eine bestimmte Situation, ein Umstand, Zustand emotional gerade für mich bedeutet, wie ich mich darin, damit fühle, welche Konsequenzen das hat. Auf welche Innenwelten ein Geschehen bei mir trifft. Es geht um das "Bekanntsein" meiner inneren Landschaften, meiner Bewusstseinsweite, meines Wesens und ein Erfassenkönnen der (emotionalen) Kausalitäten zwischen mir und der Welt. Oder so ähnlich... 😉
 
Und all das fühle ich als gegeben, wenn jemand seine Innenwelten schildert und ich mich darin wiederfinden kann. Da spricht jemand von etwas, was sonst nur ich kenne. Ich fühle mich begriffen, obwohl der andere eigentlich gar nichts von "mir" weiß und begreift. Nur dadurch, dass da scheinbar noch jemand das kennt, was ich kenne, ohne dass wir uns kennen müssen. 😂